Vorbilder



Da denkt ein Kolumnist über den Radsport ist genügend geschrieben, man solle das Thema endlich abhaken, und dann überschlagen sich die Ereignisse in einer Art und Weise, dass dem staunenden Betrachter schier die Spucke im Halse stecken bleibt.

Nach einer eindringlichen Dopingdiskussion in den Monaten vor der Tour de France, und der kurz vor dem Tour-Start von allen Fahrer geforderten schriftlichen Unterlassungserklärung, die bei Zuwiderhandlung noch dazu mit einer Strafe von einem Jahresgehalt des jeweils betreffenden Fahrers sanktioniert war, konnte man eigentlich erwarten, dass ausschliesslich der Sport selbst Mittelpunkt dieser drei Radsportwochen sein wird.

Das berühmteste aller Radrennen, die Tour de France konnte starten, die Fans waren begeistert wie eh und je. Die sich nach Schlammschlachten sehnende Boulevard-Presse war, wie konnte es anders sein, in freudiger Erwartung neuer Dopingmeldungen in Übermacht präsent.

Alle anderen, die wahren Freunde des Profiradsports und der wichtigsten Veranstaltung der Radsportsaison, sie hielten insgeheim die Luft an. Hoffentlich wird es eine schöne Tour, hofften sie. Friedlich sollte sie ablaufen, und ausschliesslich nur mit vielen sportlichen Höhepunkten.

Pustekuchen. Ein Dopingfall nach dem anderen, ja mehr noch, einer spektakulärer als der andere. Den allerersten grossen Knall gab es mit der Bekanngabe der zwei Dopingvergehen von Alexander Winokurow. Das Astana Team stieg sofort aus.

Die Fahrer waren entsetzt, denn hier traf es einen der im Fahrerfeld hoch angesehenen Fahrer. Der Fahrerkollege David Millar sagte dazu, sichtbar konsterniert, "Winokurow war einer meiner Helden, für mich ist es schrecklich, und für die jüngeren Fahrer, die nachkommen, ist es noch schlimmer".

Vor dem Beginn der darauf folgenden Etappe, die 16. war dies, da streikten die Fahrer zunächst. Vor allem gegen einen ihrer Kollegen, welcher sich offensichtlich mit vielen Tricks mehrfach den vorgeschriebenen Dopingkontrollen entzogen hatte.

Michael Rasmussen hatte in der Vorbereitung zur diesjährigen Tour den Doping-Kontrolleuren insgesamt viermal seinen wahren Aufenthaltsort verschwiegen. Mehr noch, er hatte gelogen, da er falsche Aufenthaltsorte bekannt gab. Sein Pech, und das Glück seiner Fahrerkollegen - er wurde beim Training in den Alpen gesehen, obwohl er Mexiko als Aufenthaltsort angab.

Den Veranstaltern und der Tourleitung, ihnen waren mit jedem Tag immer mehr Sorgenfalten anzusehen. Und zwar mit jedem Tag, mit dem Rasmussen weiterhin im gelben Trikot des Spitzenreiters fuhr. Es wurde noch dazu mehr und mehr offensichtlich, dass das sich Team Rabobank, zu dem Rasmussen gehörte, im Fahrerfeld immer mehr isoliert hatte.

Gestern am späten Abend kam dann der von allen erwartete große Knall. Das Rabobank-Team zog den Träger des Gelben Trikots Michael Rasmussen von der Tour zurück. Er, der gerade eben noch die letzte Bergetappe gewonnen hatte, und dem der Toursieg aufgrund seines grossen Vorspungs kaum noch zu nehmen war, gab danach in einem Interview noch Folgendes zum Besten „Auf mich entlädt sich nach dem Astana-Weggang der ganze Frust. Angesichts dieser ständigen Anfeindungen wächst mein Respekt vor Armstrong.“

Da alle Welt davon ausgeht, dass Armstrong bei seinen sieben Tour-Siegen der unangefochtene Meister des Dopings gewesen ist, insbesondere was die Verschleierung seiner Dopingmethoden und Mittel angeht, kann man hier nur von einer Art makabren britischem Humor seitens Michael Rasmussen sprechen.

Nachdem mit Italiener Cristian Moreni ein weiterer Dopingsünder der diesjährigen Tour wegen Verstoßes gegen das französische Doping-Gesetz unmittelbar nach der Zieldurchfahrt von der französichen Polizei verhaftet und in U-Haft gesteckt wurde, stellt sich nun die Frage, was wird aus der diesjährigen Tour. Wie es den Anschein hat, soll der derzeitige zweite, der Spanier Contador, Kontakte zum spanischen Dopingarzt Fuentes haben. Dennoch fährt er noch mit.

Und was wird vor allem aus den nächsten Tour-Veranstaltungen. Da alle Gesetze, Appelle, Kontrollen und Diskussionen nichts genutzt haben, fragt sich ein Kolumnist einmal mehr, was das ganze Theater eigentlich soll.

Wieso muss sich die Politik in die Belange des Profisports einmischen, wenn dies sowieso nichts bringt. Hier sitzen erwachsene Männer, harte Männer eines knallharten Profisportes auf dem Rad. Dies ist nicht Olympia, das sind keine Amateure, und es geht hier auch nicht um die berühmte Ehre, sondern um viel Geld.

Dem Fan an der Strecke scheint die Dopingdiskussion egal, er war wie immer zahlreich und enthusiastisch bei der Sache. Zuweilen hatte man in den letzten Wochen den Eindruck, dass vor allem diejenigen mitreden, denen der Radsport sowieso egal ist, und die im Gegensatz zu dem echten Fan eben nicht an der Strecke oder vor dem Fernseher sitzen. Die aber gemeinsam mit der sensationshungrigen Presse fleissig am Grab des Profi-Radsports schaufeln.

Wie es nun weiter geht scheint klar. Bei allem geht es wie immer auch hier um viel, viel Geld. Nun wird wahrscheinlich fleissig hin- und herprozessiert. Sponsoren werden nun die Gelegenheit beim Schopfe packen ihre Millionen wieder zurückzuholen. Obwohl sie eine nie dagewesen Publicity erleben durften. Aber das alte Sprichwort, a bad message is a good message, diese alte Vermarktungsregel werden sie schon aus Eigennutz nicht gelten lassen.

Die Fahrer können augenscheinlich ohne ärztliche Hilfe und ohne Manipulationen an ihren strapazierten Körpern diese dreiwöchige Tortur überhaupt nicht überstehen. Und machen dann das, was ihre Vorbilder in Politik und Wirtschaft seit vielen Jahren vorexerzieren. Sie manipulieren und spielen den Saubermann.

Genauso wie ein Bush oder Putin dies tun, ein Blair oder Berlusconi, ein Scharping, Schröder oder Schäuble. Die Liste der Vorbilder ist endlos. Daher sollte man jetzt eher mal die Aufmerksamkeit zu unser aller Vorbilder lenken. Die Fahrer jedoch, wenn sie mich fragen, wer will es ihnen denn verdenken.

Das Tagesgeschehen - kommentiert von Valentin Moser
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