Überfällig

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, in Kurzform GDL, soll die älteste Gewerkschaft in Deutschland sein, und, mit ihr scheint sich seit langem endlich wieder einmal eine der Gewerkschaften hierzulande an die ureigenen Aufgabenstellungen einer Arbeitnehmervertretung zu erinnern.
Seit der deutschen Wiedervereinigung, und der in der Folge mit dieser einhergehenden Öffnung des Eisernen Vorhangs weht ein zunehmend rauher Wind in den Belegschaften deutscher Unternehmen.
Auf Druck der freien Wirtschaft, und da vor allem der Multis, zahlloser mächtiger Großunternehmen, wurde das Zeitalter der Globalisierung eingeläutet. Die Manager in den Chefetagen hatten ihre globale Brille längst zu dem Zeitpunkt bereits aufgesetzt, als europäische Bürger und Bürgerinnen noch von den historischen Ereignissen in emotionaler Weise mitgenommen waren.
Während der kleine Mann, oder auch die Frau, nicht selten mit Tränen in den Augen zuhause am Bildschirm die bewegenden Bilder vom Fall der Berliner Mauer erlebte, hatten die Strategen und vor allem die großen Anteilseigner in den Multinationalen Konzernen statt dieser Tränen bereits riesige Dollarbündel in ihren gierigen Antlitzen.
Die bitteren Konsequenzen bekamen die weitaus meisten Bürger in ganz Europa am eigenen Leibe zu spüren, auch und vor allem aber die Menschen hier in Deutschland.
Wegfall zahlloser Arbeitsplätze, beispielloses Lohndumping in vielen Branchen bei gleichzeitiger Mehrarbeit, extreme Kürzungen bei Krankenkassen- und Rentenleistungen bei gleichzeitig steigenden Beiträgen, all das verbunden mit vorher nie gekannten Zukunftsängsten eines Großteils der deutschen Bevölkerung.
Diese Ängste allerdings haben diejenigen nicht, die den Unternehmen alle Türen und Toren geöffnet haben, die ihnen die notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen im Inland und in der Europäischen Union geschaffen haben, und die ihnen damit willfährig dabei geholfen haben beispiellose, zum Teil unvorstellbar hohe Gewinne einzufahren. Gewinne, an denen diejenigen, die die größten Opfer zu bringen hatten, in keinster Weise beteiligt waren.
Spätestens seit der vor kurzem auf Druck des Bundesverfassungsgerichtes veranlassten Offenlegung der Nebeneinkünfte der Bundestagsabgeordneten, auch wenn Umfang und Art der Offenlegung in weiten Teilen immer noch den Eindruck einer die Augen des Betrachters vernebelnden Schaumschlägerei vermittelt, spätestens seit dieser Offenlegung kann der Bürger davon ausgehen, dass diese Hilfestellung ganz sicher nicht zum Nachteil vieler Politikvertreter gereichte.
Nach nun fast achtzehn Jahren an Versprechungen, welch eine lange Zeit ist dies gewesen, fast eine ganze Generation, scheinen nun die ersten nicht mehr viel von den Versprechungen derer zu halten, die in dem gleichen langen Zeitraum einerseits immer so gerne Selters gepredigt hatten, andererseits aber selbst mit ihren eigenen Schlünden Tag für Tag an den reichlich gefüllten Champagner- und Kaviartrögen verharrten.
Die Gewerkschaft der Lokführer setzt mit ihrem Streik endlich einmal das richtige Zeichen zu einem leider viel zu späten Zeitpunkt. Und es ist zu hoffen, dass noch einige andere ihrem Beispiel folgen werden.