Spritzenreiter



Es endet schon fast treffsicher vorhersehbar und regelmässig mit einem Fiasko, wenn sich die Politik in die Belange des Profisports einmischt. Als wenn sie alleine nur eine nicht endenwollende endlose Gier nach Scheinwerferlichtern und Kameraobjektiven antreiben würde, die in den Statements der Damen und Herren Politikvertreter herauszuhörende Scheinheiligkeit scheint mir mehr als nur ein Alarmsignal zu sein.

Ein Signal, eher sogar ein deutliches Zeichen für den weiterhin massiv voranschreitenden Werteverfall in unserer Gesellschaft. Wie verlogen soll diese Welt denn noch werden, fragt sich ein Kolumnist einmal mehr, wenn er den Ablauf der Dopingdiskussion rund um die diesjährige Tour de France verfolgt. Und den aus dieser Diskussion erfolgten Entscheidungen, sowohl in der Vorbereitung zur Tour, als auch dann in den letzten Tagen.

Zunächst wurden einmal den grössten Helden des Radsports die Teilnahme an dem wichtigsten, weil berühmtesten, schwersten und finanziell attraktivsten Profiradrennen eines Jahres verweigert. Sie wurden gesperrt. Dem angeblich sauberen Sport zuliebe.

Deutschlands erfolgreichstes Radsportidol Jan Ullrich musste ebenso zuschauen wie die beiden italienischen Superstars Ivan Basso und Alessendro Pettacchi, und noch einige andere mehr. Die Tour damit endgültig sauberhalten von diesen augenscheinlichen Betrügern und Lügnern, dies war seitens der oben genannten Scheinheiligen unisono die Forderung.

Niemand kam auch nur annähernd auf die Idee, dass dieser harte Sport und da vor allem die schier unmenschlichen Strapazen einer dreiwöchigen Rundfahrt mit wahren Horror-Bergetappen ohne gleich wie geartete Manipulation des Körpers kaum noch zu bewältigen war - und das diese Manipulation folgerichtig alle vornehmen. Oder fast alle.

Noch schlimmer an alledem und ein weiterer Ausduck der Scheinheiligkeit ist die offenkundige Tatsache, dass es nur den erwischt, der sich eben erwischen lässt. Derjenige, der Doping mit anderen, geeigneten Mitteln besser verschleiern kann, oder noch besser, der bereits neue, noch nicht bekannte Dopingmittel anwendet, den erwischt es nicht.

So dürfen nun alle anderen erst einmal weiter mitstrampeln. In die Pedale treten bis Paris, dort erwartet die besten dann viel Geld und noch mehr gewinnbringender Ruhm. Aber drehen wir das Rad doch noch einmal einige Tage zurück.

Zunächst erwischte es das Astana-Team um Alexandre Winokurow, weil eben der letztere, der Team-Kapitän, bei den beiden Etappen, die er gewann, gedopt gewesen sein soll. Und kaum war die Tinte der aufsehenerregenden Schlagzeilen um das Astana-Team abgetrocknet, kam auch schon der nächste Paukenschlag.

Der in der Gesamtwertung führende Michael Rasmussen wurde wegen offenkundiger Verschleierung von Doping, konkret wegen viermaligen Verleugnen seines tatsächlichen Aufenthaltsortes in der Tour-Vorbereitung, von seinem eigenen Team Rabobank aus dem Kader geworfen.

Damit soll die Tour nun angeblich sauber bis Paris gehen, wird vermeldet. Jedoch, auch diese Meldung ist nichts anderes als eine Farce. Denn derjenige, der nun in Gelb ist, ist mit mehr als nur einer hohen Wahrscheinlichkeit mindestens genauso tief in die Radsport-Dopingszenerie verwickelt. Wenn nicht noch um Längen tiefer.

Alberto Contador ist der Name des momentan deutlich Führenden, der bei den wundersamen Höchstleistungen eines Michael Rasmussen bei den Bergetappen der diesjährigen Tour locker mithalten konnte, und dies obwohl der 24-jährige Spanier in den letzten Jahren kein einziges Mal auch nur mit annähernd starken Leistungen glänzen konnte.

Die wundersame Leistungsexplosion Contadors, die Insider auf Anhieb von Doping sprechen liessen, begann plätzlich und unerwartet in der Vorbereitung der diesjährigen Tour, bei der Rundfahrt Paris-Nizza.

Dort zog Contador auf der letzten Etappe am Schlussanstieg allen anderen auf und davon, und ließ dabei den verdutzten Spitzenreiter Davide Rebellin spielend leicht hinter sich. Dies tat er so überlegen, dass er sich neben dem Tagessieg gleich auch den Gesamtsieg dieser prestigeträchtigen Rundfahrt sicherte.

Neben einer ganzen Reihe von Indizien und sogar Beweisen aus Ermittlungsunterlagen rund um den spanischen Dopingarzt Fuentes, dort taucht der Name Contador nämlich auch auf, spricht noch ein ganz besonders gewichtiges Argument gegen Contador und vor allem dessen Team. Dieses Argument hat sogar einen grossen Namen. Und dieser lautet Lance Armstrong.

Der Amerikaner ist als ehemaliges Aushängeschild seines Teams US Postal, jetzt Discovery Channel, auch heute noch Teilhaber seines Teams. Das Team, für das Contador fährt, und das nach Ausschluss der anderen jetzt insgesamt drei Fahrer unter den Top 10 der diesjährigen Gesamtwertung hat. Darunter mit Contador die Nummer eins, und mit Leipheimer sogar noch die Nummer drei.

Lance Armstrong konnte nach Ansicht aller Radsportexperten das ihm ohne ernsthafte Zweifel nachgesagte Doping in den vergangenen Jahren am allerbesten verschleiern.Und zwar bei all seinen sieben Toursiegen. Dennoch wurde er bereits bei seinem ersten Toursieg 1999 bei insgesamt sechs Urinproben des Dopings mit Epo überführt. Jedoch ohne Konsequenzen. Das ganze wurde erst nach Beendigung seiner Karriere bekannt.

Es mutet geradezu grotesk an, dass derjenige im Fahrerfeld, der sichtbar für alle Radsportfans in der ganzen Welt zu seiner aktiven Zeit zu besonderen Höchstleistungen gespritzt wurde, dass dieser auch jetzt wieder im Hintergrund alle Strippen zieht.

Nicht wenige Fragen sich, wie es Lance Armstrong und seine Helfershelfer auch diesmal wieder geschafft haben, sich von allen laufenden Dopingermittlungen und damit vor allen Strafen fernzuhalten. Da die Tour de France ein 130 Millionen Euro Unternehmen ist, welches auch dieses Jahr wieder 15 Millionen Euro Gewinn abwirft, scheinen die Antworten auf der Hand zu liegen.

American Way of Business and Politics, die amerikanische Art und Weise Politik und Business zu betreiben, mit allen erlaubten und auch nicht erlaubten Mitteln. Hauptsache man lässt sich nicht erwischen, und wenn man doch erwischt wird, dann hilft man eben mit anderen Mitteln nach.

Es ist alles eine Frage der Aussendarstellung, die Bush-Administration im Weissen Haus in Washington macht dies für alle Welt beispielhaft vor. Der Schein muss halt nur immer schön gewahrt bleiben.

Es ist eine große Ehre, einer der Nachfolger von Armstrong zu sein, so hatte es Alberto Contador nach seinem Etappensieg auf dem Plateau de Beille aller Welt in die Mikrofone erzählt. Auf dieser unglaublich schweren Etappe gelang ihm, der in seiner bisherigen Radsportkarriere stets nur mit bescheidenen Leistungen glänzen konnte, ein absolutes Kunststück.

Fast im Vorbeigehen nämlich unterbot der neue Jungstar des amerikanischen Discovery Channel Teams beim Aufstieg zu diesem Plateau die Rekordzeit seines Vorgängers Lance Armstrong aus dem Jahr 2004 um nicht für möglich gehaltene, unglaubliche anderthalb Minuten.

Der Einzug amerikanischer Sitten und Bräuche nach Politik und Wirtschaft nun auch im Profisport. Manipulation, Scheinheiligkeit und verlogene Moral lassen in wenigen Tagen, spätestens in Paris auf dem Siegerpodium, einmal mehr grüssen.

Dann nämlich werden, so wie es heute ausschaut, mit Contador und Leipheimer gleich zwei Fahrer des US-amerikanischen Discovery Channel Teams ganz oben stehen.

Das Tagesgeschehen - kommentiert von Valentin Moser
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