Mittelalter



Seit Wochen gärt und rumort es in Staat und Gesellschaft Italiens. Es geht dabei um die politische Einflussnahme der katholischen Kirche in diesem Land, eine Einflussnahme, die unter der Führung des neuen Papstes, Papst Benedikt XVI., in erheblichem Masse zugenommen hat.

Eskalationen gab es dabei in der jüngsten Zeit gleich mehrfach, als neutraler Beobachter konnte man sich dabei des Eindrucks nicht erwehren, dass der deutsche Papst selbst einen erheblichen Anteil an Verantwortung für eine immer weiter wachsende Entfremdung der katholischen Kirche von ihren Gläubigen hat.

Wenn man denn dann nach Abzug aller Traditionen und Bräuche überhaupt noch von einem Glauben im Sinne Papst Benedikt XVI. sprechen kann, denn dieser scheint bei den brennenden Themen wie Sexualität, Aids oder Empfängnisverhütung eher einen Schritt zurück ins Mittelalter vollführen zu wollen.

Die konservativen Kreise des Vatikan geben mehr denn je den Ton an, die Eskalation mündete dieser Tage in offene Auseinandersetzungen, die in Italien mittlerweile nicht nur das ganze Land von Nord bis Süd, sondern selbst die Regierung in Rom beschäftigen.

Die Haltung des Vatikan und des Papstes konnte man parallel zu den Ereignissen in Italien recht anschaulich anlässlich seines Besuches in Brasilien beobachten. Schon fast gebetsmühlenartig rief Papst Benedikt XVI. dort die Menschen zu sexueller Enthaltsamkeit auf. Bei einer Messe vor mehreren hunderttausend Gläubigen in Sao Paulo warf der Papst vor kurzem sogar den Massenmedien vor, das Keuschheitsgebot der katholischen Kirche zu verspotten.

Mehr noch, er verlangte von Menschen nein zu diesen Medien zu sagen, da sie die Heiligkeit der Ehe und die Jungfräulichkeit vor der Ehe ins Lächerliche ziehen würden. Und, die Menschen sollten sich weigern, sich als Lustobjekte betrachten zu lassen.

Die spürbare Entfremdung des Papstes von den Menschen, die seinen Worten lauschten, zeigte sich auch dadurch, dass er, der das Kondom als Verhütungsmittel immer noch verbietet, sich überhaupt nicht dazu äußerte, dass die brasilianische Regierung in jenen Tagen kostenlose Kondome im ganzen Land verteilte. Mit dieser äusserst vernünftigen Aktion will sie die weitere Ausbreitung von Aids verhindern.

Gleichzeitig enthielt sich Papst Benedikt XVI. jeglichen Kommentars darüber, dass die brasilianische Regierung eine Lockerung des bestehenden Abtreibungsrechtes plant. Abtreibung ist in Brasilien, wie in allen Ländern Südamerikas aufgrund des grossen Einfluss der katholischen Kirche bisher noch verboten, und alleine nur zulässig, wenn das Leben der Schwangeren gefährdet ist.

Die starre Haltung des Vatikans treibt deshalb Millionen von Mütter Jahr für Jahr in die Illegalität. So wie dies hier in Europa auch geschehen ist, und noch immer geschieht, verliert die katholische Kirche auch in Lateinamerika jedes Jahr mehrere Millionen Gläubige.

Die meisten von ihnen wechseln zu protestantischen Freikirchen. Papst Benedikt XVI. einziger Kommentar hierzu, die starke Verbreitung des Protestantismus sei ein Zeichen dafür, dass die Menschen nach Gott dürsteten. Und man werde bald eine Strategie vorstellen, die auf diese Herausforderung eingehe, da die katholische Kirche dynamischer werden müsse.

Das Verhalten der katholischen Kirche in Europa lässt allerdings eher auf das Gegenteil schliessen. Wobei sich an dieser Stelle der Kreis wieder schliesst, weil wir wieder bei den jüngsten Vorkomnissen in Italien sind.

Dort nämlich bezeichnet die Vatikanzeitung Osservatore Romano einen Fernseh-Komiker als Terroristen, weil dieser bei einem Konzert zum ersten Mai zum einen dem Papst vorgeworfen hatte nicht an die Evolutionstheorie zu glauben, zum anderen der katholischen Kirche vorhielt sich nicht weiter entwickelt zu haben.

Der bis zu diesem Ereignis ansonsten wenig bekannte Andrea Rivera hatte diese Bemerkungen vor 400.000 Besuchern dieses Gewerkschaftsevents und einem Millionenpublikum an den Bildschirmen zuhause gemacht.

In einem Kommentar sprach die genannte vatikanische Tageszeitung von schändlichen Angriffen auf den Papst, und dass auch dies Terrorismus sei, und dass Terrorismus bedeute, Attacken gegen die Kirche zu richten.

Ob diesem starken Tobak reagierte Italiens Regierungschef Romano Prodi, der einer Koalition von Linksparteien bis hin zu den Christdemokraten vorsteht, mit der Forderung nach mehr Gelassenheit und gesundem Menschenverstand. Daraufhin bemühte sich Vatikansprecher Federico Lombardi ebenfalls wieder um Mäßigung, indem er den Auftritt des Komikers als Dummheit bezeichnete, die man nicht zur Tragödie werden lassen sollte.

Die Partei Forza Italia um Oppositionschef Silvio Berlusconi nutzte das bühnenreife Theater dann jedoch dazu, ihre Empörung über Riveras Kritik zu äussern. Es sei eine Schande, liessen die Konservativen verlauten, dass ein Moderator die Kulisse des vom Staatsfernsehen übertragenen Konzerts mit Millionen Zuschauern ausnutze, um den Vatikan derart zu attackieren.

Schuld an dem ganzen Theaterdonner hat nach Auffassung neutraler Beobachter jedoch der Vatikan, sprich die katholische Kirche selbst. Der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz Angelo Bagnasco, seines Zeichen Erzbischof von Genua, hatte nämlich in ganz Italien eine Welle der Empörung ausgelöst, als er in einem Kommentar über das nun auch in Italien geplante Gesetz für eingetragen Lebenspartnerschaften Homosexualität in die Nähe von Pädophilie und Inzucht rückte.

Seit diesem Kommentar weht der katholischen Kirche in Italien ein mächtiger Wind entgegen. Unbekannte schmieren zu nächtlicher Stunde Tag für Tag Drohungen gegen diesen Bischof an alle möglichen Häuserwände, und dies nicht nur in dessen Heimatstadt. Sogar eine Pistolenkugel erreichte ihn in einem Brief, worauf sich Staatspräsident Giorgio Napolitano persönlich einschaltete und die Drohungen als unannehmbar bezeichnete.

Selbst Papst Benedikt XVI. griff dann auch noch einmal persönlich ein, was er vielleicht besser nicht getan hätte. Denn er unterstützte den mittlerweile in ganz Italien als Hardliner titulierten Erzbischof Bagnasco sogar nich, in dem er ihn dazu ermunterte, auch zukünftig in der gleichen Weise an der Verteidigung katholischer Werte festzuhalten.

Bei einer von konservativen ins Leben gerufenen Großdemonstration für die Familie und gegen das geplante Partnerschaftsgesetz, mit dem Namen Family Day, wurde prompt und mit Unterstützung von Regierungspolitikern in Rom eine Gegenveranstaltung ins Leben gerufen.

Und so hatte die Solidaritätsbekundung des Papstes für seinen Erzbischof genau das Gegenteil dessen erreicht, was für die katholische Kirche im angestammten Mutterland Italien eigentlich am besten gewesen wäre udn auch heute immer noch ist. Nämlich eine Diskussion längst überfälliger Reformen in Staat, Kirche und Gesellschaft Italiens, und zwar mit ausdrücklicher Beteiligung des Vatikans.

Einer Beteiligung, die iedoch von Vernunft und gesundem Menschenverstand begleitet sein müsste. Unter endgültigem Verzicht auf mittelalterliche, teils menschenverachtende Sichtweisen. Sichtweisen und die mit ihnen verbundenen Äusserungen greiser Herren, welche die Realität des 21. Jahrhunderts völlig ausblenden.

Mit der Folge, dass die Menschen weiterhin in Scharen aus der katholischen Kirche vertrieben werden.

Das Tagesgeschehen - kommentiert von Valentin Moser
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