Lebenslüge

Die seinerzeitigen Gegner des Irak-Krieges sind es auch heute noch. Es wird kaum jemanden geben, der vom Lager der Gegner in das der Befürworter geschwenkt ist. Die Befürworter dagegen, sie wechselten mit den Jahren nach und nach das Lager.
Mittlerweile übrig geblieben sind vor allem die Hardliner, natürlich auch die Rüstungsindustrie und die mit ihnen verbundenen Lobbyisten und Politikvertreter sowie diejenigen, die die wenig geistreichen Thesen der Bush-Administration und anderer führender Politikvertreter aus welchen Motiven auch immer nachplappern.
Das Fatale an der seinerzeitigen Irakkriegs-Diskussion war die Tatsache, dass sich grosse Teile der Intellektuellen, und da auch der ehemaligen Friedensbewegung, der Grünen, vieler Schriftsteller sowie anderer Gelehrter, und natürlich der Journallie für den Kriegseinsatz der USA im Irak eingesetzt haben.
Die Intelektuellenschar leistete quasi den in Washington höchst willkommenen geistigen Flankenschutz, im Grunde ein Treppenwitz der Geschichte, da diese Unterstützung die folgenreiche Intervention der US-Army und ihrer Verbündeten im Irak erst so richtig möglich machte. Denn eine Antikriegsbewegung mit weithin vernehmbaren Protesten gab es kaum.
Viele haben ihren Fehler mittlerweile eingesehen, legen zum Teil sogar öffentliche Reuebekenntnisse ab, wie der international angesehene kanadische Politikwissenschaftler Michael Ignatieff. Andere wiederum, vor allem hier bei uns in Deutschland, wollen es immer noch nicht wahrhaben, dass die damalige Zustimmung falsch gewesen ist.
Mehr noch, die Unverbesserlichkeit und das geradezu abstruse, schon fast abstossende Selbstverständnis derer, die da auch heute noch aus den Reihen der Linken den Krieg gutheißen, zeigt sich in ihrer Argumentation, die, wie im Falle von Wolf Biermann, von einer falschen Kriegsführung spricht.
Die seinerzeitigen moralischen Begründungen der politischen Linken, Saddam Husseins grauenvoller Giftgaseinsatz gegen die kurdische Bevölkerung oder auch der Terror des sadistischen Folterregimes dies Despoten, waren mit Anlass für eine beispiellose Kettenreaktion nach Kriegsbeginn. Eine Kettenreaktion, deren Ende auch heute noch nicht ist.
Angefangen vom Hass religiöser Fanatiker, der alle die Menschen treffen könnte, deren Staaten sich an diesem Krieg direkt oder indirekt beteiligt hatten, über das drohende Auseinanderbrechen des Landes Irak bis hin zum Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit der westlichen Welt im internationalen Ansehen.
Dies alles hat die Intellektuelle, die politische Linke zumindest mit zu verantworten. Dass sie sich nicht besonders Wohl in ihrer Haut fühlt, sieht man unter Anderem auch daran, dass nahezu alle ehemaligen Befürworter in Vogel-Strauss-Manier entweder mit dem Kopf tief im Sand stecken, sprich sie schweigen, oder noch schlimmer, dass sie immer noch die aberwitzigen Sätze von Demokratie schaffen, oder Welt sicher machen, nach wie vor zum Besten geben.
Das Elend der irakischen Bevölkerung, übrigens ebenso der in Afghanistan, dauert weiterhin an, wahrscheinlich war dies in den letzten Kriegsjahren eher noch schlimmer geworden.
Das Versagen dieser intellektuellen Kreise zeigt sich auch an der, nach Auffassung vieler, schon an Perversion grenzenden Rhetorik der Bush-Administration, und, natürlich auch an den berechtigten Zweifeln an den immer vorgegebenen ehrbaren Motiven für den Irak-Einsatz.
Der Kampf um wertvolle Ressourcen im Irak, allen voran natürlich das Öl, verbunden mit dem riesigen Profit amerikanische Industrien in Folge des Krieges, Profite, an denen zum Teil sogar einzelne Politikvertreter beteiligt sind, hat jegliches Vertrauen in die Redlichkeit das Weisse Haus erschüttert.
Dazu kommt noch die Tatsache, dass die US-Pläne für einen Einmarsch in den Irak bereits weit vor dem bewussten 11. September, dem Tag der Terroranschläge in New York und Washington, geschmiedet waren. Vor diesem Hintergrund müsste man vielleicht sogar die damaligen Anschläge in den USA völlig neu bewerten, schrecklichste Gedanken steigen da in mir auf. Welch dunkles Geheimnis mag da noch in irgend einer Ecke schlummern.
Darüber hinaus haben die Intellektuellen mit zu verantworten, dass die Rolle der Vereinten Nationen endgültig zu der eines Papiertigers verkommen ist. Einer Organisation, mit der die USA macht, was sie will, und deren Ansehen im Laufe der Kriegsjahre stetig abgenommen hat.
Im internationalen Vergleich besonders tragisch ist damals wie jetzt die Rolle der deutschen Intellektuellen. Von ihnen fehlt immer noch das nachhaltige Bekenntnis zu ihrem tragischen Irrtum. Nicht nur deshalb steht noch immer der unangebrachte und perfide Spott eines Wolf Biermann im Raum.
Wolf Biermann, ein Mann, der scheints große Probleme mit seinen eigenen Lebenslügen hat. Ein selbst erklärter Pazifist, der, man mag es kaum glauben, sogar Irak- oder Kosovo-Kriegsgegner hierzulande mit den Worten abqualifizierte, an ihrem deutschen Wesen solle wieder einmal die Welt genesen.
Wolf Biermann hat, genauso wie viele andere aus den Reihen der Intellektuellen oder der politischen Linken, manch Anderem über Jahrzehnte den moralischen Spiegel vorgehalten. Dabei muß er sich, genauso wie alle diese Anderen, den Vorwurf gefallen lassen, dass ihre Haltung die Kriegs- und Terrorschrecken der vergangenen Jahre zumindest mit möglich gemacht haben.
Wolf Biermann trägt damit, wie alle Anderen, auch einen Teil moralischer Verantwortung für den Tod von zehntausenden von Menschen im Irak. Ein grauenvolle Erkenntnis, fürwahr, und genau deshalb will Wolf Biermann diese Erkenntnis, genauso wie alle Anderen, bis heute, zumindestens öffentlich, immer noch nicht wahrhaben.
Das Tagesgeschehen - kommentiert von Valentin Moser