Formel Moral



In Maranello reagierte man in diesen Tagen zu Recht mit grosser Empörung auf den am Donnerstag in Paris erfolgten Freispruch von McLaren-Mercedes in der Formel 1 Spionage Affäre, ein von allen Seiten tituliertes politisches Urteil, dessen Nachwirkungen die Formel 1 noch in ihren Grundfesten erschüttern könnte.

Ferrari fühlt sich seitens des Internationalen Automobilverbandes FIA verhöhnt, es sei ein Scandalo, so titulierte es die italienische Zeitung Tuttosport zu Recht am Tag nach dem Urteil, und man denkt nun seitens Ferrari über ernsthafte Konsequenzen in diesem Fall nach.

Angesichts der offenkundigen Beweislage, die auch von keiner Seite bestritten wird, halten auch neutrale Insider wie Beobachter das Urteil für einen handfesten Skandal.

Unbestritten ist in dem Spionagefall, dass der mittlerweile suspendierte McLaren-Chefdesigner Mike Coughlan vom ehemaligen Ferrari-Chefmechaniker Nigel Stepney Material mit umfangreichen Ferrari-Informationen über das aktuelle Modell sowie die Zukunftsplanungen in einer Gesamtstärke von 780 Seiten bekommen haben soll.

Obwohl die beiden Chefs des immer mit Vorliebe den Saubermann spielenden britisch-deutschen Rennstalls, Ron Dennis auf der einen wie auch Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug auf der anderen Seite stets beteuerten, dass ihr fristlos entlassener Mitarbeiter als einziger Kenntnis von den Inhalten hatte, stellten sich diese Aussagen bereits vor der Verhandlung in Paris als gelogen heraus.

Wie Mike Coughlan nämlich per Eidesstattlicher Versicherung zu Protokoll gab, hatten noch eine ganze Reihe anderer namentlich genannter, führender McLaren-Mercedes Mitarbeiter Einblicke in diese Unterlagen enthalten.

Alleine die Tatsache, dass das gesamte Ferrari-Material während einer geheimen Kommandoaktion in einem Copyshop eingescannt wurde, um es sodann sofort auf CD zu brennen und an einen sicheren Ort zu bringen, zeigt, dass hier mit grosser krimineller Planung, Weitsicht und Akribie vorgegangen wurde.

Wie man weiss ist Industriespionage eine Straftat, und selbst der Versuch, die Beihilfe oder die Verschleierung ist in höchstem Masse strafbar. Industriespionage ist keine Ordnungswidrigkeit, sondern ein Kapitalverbrechen.

Dies müsste gerade auch Norbert Haug von Mercedes ganz genau wissen. Er, der nach dem Urteil lapidar zum Besten gab, dass Ferrari ja schliesslich ganz genauso für Nigel Stepney verantwortlich gewesen ist, wie Mc-Laren-Mercedes für Mike Coughlan, und dass man schliesslich das Material in keinster Weise angerührt habe.

Und genau dies konnte bisher auch noch nicht bewiesen werden und wird vielleicht auch nicht gelingen, denn der grosse Zeitabstand zwischen Übergabe der Ferrari-Unterlagen an McLaren-Mercedes und heute erschweren die Ermittlungen erheblich.

Alleine jedoch der gesunde Menschenverstand, und, dass kurz nach der Übergabe die beiden Silberpfeile ganz plötzlich die Ferraris als Siegerautos ablösten, sowie die Tatsache, dass McLaren-Mercedes die schwere Spionage-Straftat nicht unverzüglich bei den Strafverfolgungsbehörden anzeigte, lassen die Entscheidung des 26-köpfigen Gremiums des Internationalen Automobilverbandes FIA als Skandal ungeheuren Ausmasses erscheinen.

Man fragt sich angesichts dieser Entscheidung einmal mehr, welche Moral in der heutigen Zeit präferiert wird, und man muss sich auch diesmal wieder nicht über die weiter zunehmende Verrohung von Sitte und Anstand in unserer Gesellschaft wundern.

Der Spionage-Freispruch für die Silberpfeile hat zwangsläufig für eisige Stimmung zwischen den beiden Erzrivalen der Formel 1 gesorgt, das Einschalten des ehemaligen Scotland-Yard Chefermittlers durch Ferrari die Stimmung weiter angeheizt.

Während Ferrari-Pilot Felipe Masse schimpfte, das sei ein hässlicher Moment für den Formel 1 Sport, und Teamchef Jean Todt von einer unbegreiflichen Entscheidung sprach, schloss der Traditions-Rennstall aus Maranello ein mögliches Nachspiel nicht aus.

Wir denken darüber nach, was wir nach dieser unverständlichen und schwerwiegenden Entscheidung in Paris machen, sagte Todt, und Ferrari-Boss Luca di Montezemolo rief die Fans auf, zunächst ruhig zu bleiben, weil diese Geschichte hier nicht enden würde.

Nun wird darüber spekuliert, wie Ferrari reagieren wird. Man hält es für denkbar ist, dass Ferrari gegen den Freispruch von McLaren-Mercedes Einspruch einlegen wird. Weitergehende Spekulationen gibt es momentan noch nicht.

Ein Kolumnist ist der Auffassung, dass Ferrari als das unangefochtene Zugpferd Nummer eins im Formel 1 Rennsport vielleicht sogar sein Engagement in der Königsklasse des Automobilrennsports gänzlich überdenken sollte. Ein Engagement in anderen Rennserien oder evtl. sogar eine Neugründung eines könnten da Alternativen sein.

Der Paukenschlag schlechthin wäre allerdings ein sofortiger Rückzug aus der Formel 1, auch weil sich dann das fragwürdige Verhalten von McLaren-Mercedes und des augenscheinlich unter dem starken Einfluss des deutsch-britischen Rennstalls stehenden FIA-Gremiums als kompletter Bumerang herausstellen würde.

Ferrari ist und war schon immer mindestens fünfzig Prozent der Formel eins. Auch wenn es neun, zehn oder auch mehr Teams gibt, kein anderer Rennstall berührt weltweit auch nur ein Bruchteil der Fan-Massen, die von einem Mythos Ferrari seit jeher schier in den Bann gezogen werden.

Sollte Ferrari sich zurückziehen, wäre die Formel 1 am Ende, und damit auch die zweifelhafte Strategie von Bernie Ecclestone immer und alles unter den Teppich des Schweigens kehren zu wollen.

Das Tagesgeschehen - kommentiert von Valentin Moser
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