Blankes Entsetzen



Die Meldungen nach Schliessung der Börsen in den USA sorgten auf den ersten flüchtigen Blick für etwas Beruhigung. Jedoch, bei näherem Hinsehen sind sie trotz allem alarmierend.

Viele Menschen hierzulande schauen mit grossen Augen hinüber über den grossen Teich, der Laie versteht die ganze Aufregung nicht, oder, noch schlimmer, er denkt ihn würde dies alles nicht betreffen. Was ist überhaupt die Ursache für die ganze Aufregung, werden sich viele fragen, und genau deshalb geht ein Kolumnist heute dieser Angelegenheit einmal etwas näher auf den Grund.

Vor einigen Jahren, genauer im Jahr 2002, begann in den Vereinigten Staaten ein Aufschwung sondersgleichen, nicht wenige von uns schauten mit grosser Verwunderung darauf. Die Ursachen waren jedoch schnell ausgemacht, die Geldpolitik der amerikanische Notenbank, stark beeinflusst von der Bush-Administration kurz nach den Terroranschlägen und den Kriegszenarien in Afghanistan und Irak.

Diese gab den Startschuss für eine Kreditvergabepolitik, die bis dato ihresgleichen suchte. Geld war gefragt, also wurde die Notenpresse angekurbelt. Man lieh in den Folgejahren jedem, der Geld brauchte, dieses fast schon zum Nulltarif, sprich mit Zinsen ab 1,5 oder zwei Prozent waren an der Tagesordnung.

Daraus entwickelte sich klarerweise, wie könnte dies auch anders gewesen sein, ein unglaublicher Immobilienboom, der in der Folge die ganze US-Wirtschaft mit sich riss.

Wirklich jeder im ganzen Land konnte sich angesichts kaum vorhandener Kreditvergaberichtlinien quasi über Nacht ein Haus leisten, die Immobilienpreise stiegen und stiegen, der Wert jeder gekauften Immobilie damit ebenso, und ein unnachahmlicher Aufschwung begann.

Immer mehr Menschen in den USA fühlten sich reich und konsumierten, was das Zeug hielt. Jedoch, das problematische an der Situation, die Banken vergaben Kredite für den Kauf oder Bau eines Hauses auch an all diejenigen, die nicht einmal in der Lage waren einen einzigen Dollar dafür selbst zu investieren.

Eine Situation wie im Schlaraffenland also, wer von uns würde sich dies nicht auch wünschen. Man nennt diese Kreditvergabepraxis unter Bänkern übrigens subprime mortgages, eine Bezeichnung für zweitklassige Hypothekendarlehen. Ergo bezeichnet man die derzeitige Finanzkrise an der Wall Street auch Subprime-Krise.

Die lockere Kreditvergabe beschränkte sich aber nicht nur auf Immobilien. Dies war ja eigentlich schon schlimm genug, und konnte daher sowieso nicht lange gutgehen. Nein, die Banken in den USA finanzierten Unternehmenskäufe ebenfalls grenzenlos, ohne besondere Sicherheiten und Eigenkapital.

Damit sie das Risiko nicht alleine tragen mussten, versuchten die amerikanischen Banken das Risiko an Anleger in der gesamten Welt weiterzureichen. Also an ausländische Banken, Versicherungen und Investmentgesellschaften. Letztere, die Hedge Fonds waren sowieso immer aufs schnelle Geld aus und tätigten nur zu gerne auch Geldanlagen mit hohen spekulativen Elementen.

Man spekulierte auf das große und schnelle Geld. Sie und ich würden dazu sagen, es wurde richtiggehend gezockt. Dazu gibt es noch zahlreiche andere Wertpapiere, die man an den internationalen Finanzmärkten verkaufte, diese hatten in der Regel den gleichen Risikocharakter. Die Nachfrage nach diesen Geldanlagen war offensichtlich vorhanden.

Das Ganze ging dann jahrelang gut, bis etwa vor vier Wochen. Da merkten die ersten Insider, das der ganze Braten faul war, und ließen fortan nicht nur ihre Finger weg von derartigen Risiken, sondern versuchten vielmehr auch ihr bisher investiertes Geld wieder zurückzubekommen.

Das laute Platzen der Immobilienblase in den USA begann mit einem ersten grossen Knall. Nun aber war die Losung, wenn alle Geld abziehen, muss irgend jemand entgegensteuern. Dies taten die wichtigsten Zentralbanken auf unserem Globus, indem sie den amerikanischen Geldinstituten mehrmals einige hundert Milliarden Dollar zur Verfügung stellten.

Am gestrigen Freitag war dies zum Beispiel so. Ein großer Börsenhändler kommentierte diese vorerst letzte Aktion der Zentralbanken mit den Worten, wenn Notenbanken weltweit eingreifen, dann ist so richtig Feuer unter dem Dach.

Man ergriff jedoch noch eine weitere Maßnahme, denn dies alleine hätte bei weitem nicht genügt. Und diese Maßnahme beunruhigte die Menschen in den Vereinigten Staaten erst recht. Wie kann es auch anders sein, Sie und ich wären da auch in heller Aufregung.

Millionen von Anlegern nämlich durften sich plötzlich ihr Geld nicht mehr auszahlen lassen. Zahlreiche Fonds hatte man einfach geschlossen. In der Folge herrschte nur noch blankes Entsetzen, nicht nur im Inland, sondern auch bei Millionen ausländischen Anlegern.

Das ganz dicke Ende droht aber jetzt auch noch von einer ganz anderen Seite. Wie nun bekannt wurde, überprüft die amerikanische Börsenaufsicht die Bücher mehrerer Großbanken. Diese sollen das Risiko derart hochspekulativer Kreditgeschäfte nicht korrekt verbucht haben.

Da in dieser Aussage die Sprengkraft einer mittleren Atombombe steckt, blickt man nun mit großer Sorge auf Übermorgen. Dann nämlich, am Montag in Tokio, da geht das ganze Börsentheater aufs neue los.

Das Tagesgeschehen - kommentiert von Valentin Moser
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